Am 25. Juni 2025 besuchte ich gemeinsam mit Tierärztinnen und Tierärzte der Tierärztekammer Westfalen-Lippe den Standort eines weltweit agierenden Auftragsforschungsunternehmens im Bereich der präklinischen Forschung im Münsterland, nicht zuletzt um auch diesen Tätigkeitsbereich, in dem einige Kolleg:innen in Westfalen-Lippe arbeiten, näher kennenzulernen. Nach Anmeldung über das örtliche Veterinäramt, Vorlage des Personalausweises, Einschluss von Handys und Fotoapparaten, sowie Unterschrift einer Datenschutz- und Verschwiegenheitserklärung, konnten wir die Sicherheitsschleuse passieren. Diese Maßnahmen sind nachvollziehbar, um diesen Standort gegen unerlaubtes Betreten des Firmengeländes zu schützen, sowie zum Schutz geistigen Eigentums. Hier werden gesetzlich vorgeschriebene toxikologische Sicherheitsstudien an Tieren in Vorbereitung auf weitergehende klinische Studien an Menschen durchgeführt. Dies erfolgt hauptsächlich an nicht menschlichen Primaten, da sie genetisch am nächsten mit dem Menschen vergleichbar sind. Die Durchführung präklinischer toxikologischer Sicherheitsstudien an Tieren unterliegt der behördlichen Genehmigungs- und Überwachungspflicht. Die Studien werden nach Maßgabe der Guten Laborpraxis (GLP) und internationaler Qualitätsstandards durchgeführt und stellen hohe Anforderungen sowohl an die Haltung und medizinische Versorgung der Tiere, wie auch an die Studiendurchführung, Dokumentation und Bewertung der Ergebnisse. Sie stellen die Voraussetzung für die folgenden klinischen Studien und letztendlich zur Zulassung neuer Medikamente dar.
Wir wurden vom leitenden Tierarzt und der Tierschutzbeauftragten begrüßt. Zu Beginn wurde eine Führung über das Firmengelände angeboten, bei der es möglich war, Einblicke in unterschiedliche Tierhaltungskonzepte einer Versuchstierhaltung, wie z.B. die Haltung in Groß- und Kleingruppen zu gewinnen. Hieraus ergaben sich angeregte Diskussionen über tierartspezifische Bedürfnisse und deren Berücksichtigung unter Laborbedingungen, Anforderungen an das Personal und bauliche und technische Herausforderungen. Auch die Labore für die Untersuchungen der klinischen Pathologie, der Immunologie und der Histo-/Pathologie wurden vorgestellt.
Im Anschluss berichtete der leitende Tierarzt über die verfügbare Expertise und die technischen und medizinischen Möglichkeiten des Forschungsstandortes. Die durchgeführten Studien tragen dazu bei, frühzeitige Nebenwirkungsprofile von Prüfsubstanzen (bzw. potentiellen späteren Medikamenten) zu erkennen, sichere Dosierungen zu bestimmen, die Zielorgane für eine mögliche Toxizität zu identifizieren und potenzielle Risiken für den Menschen vorherzusagen. Der Zeitrahmen, den ein Medikament von der Identifizierung möglicher Wirkstoff-Kandidaten bis zur Markteinführung und Anwendung in der Praxis durchläuft, beträgt häufig mehr als ein Jahrzehnt. Untersuchungen an Tieren bilden aktuell einen wichtigen Bestandteil bei der Entwicklung von neuen, sicheren und effektiven Behandlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig stellen die Belange des Tierschutzes hohe Ansprüche an die Unterbringung und den Umgang mit den Tieren sowie die medizinische Betreuung und Studiendurchführung. Es gab einen konstruktiven Austausch mit beiden Gastgebern über die Umsetzung des Tierschutzes, die Organisation der Arbeit der klinisch tätigen Tierärzte, des tiermedizinisch tätigen Personals und deren spezifischen Arbeitsbereiche und Anforderungen in einer Forschungseinrichtung.
In den letzten Jahren zeigt sich eine starke Entwicklung neuer innovativer Therapiekonzepte, wie der Gentherapie oder der Zelltherapie. Die Gentherapie bietet die Möglichkeit einer ursächlichen Therapie für einige, häufig schwerwiegende oder seltene genetisch verursachte Erkrankungen des Menschen, wo bisher – wenn überhaupt- im Wesentlichen nur symptomatische Behandlungen möglich sind. Bei der Zelltherapie werden z.B. Immunzellen gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen erkennen. Diese neuartigen Therapien bieten ein vielversprechendes Potential zur Behandlung verschiedener Erkrankungen, auch wenn sie mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein können. Ein Forschungsschwerpunkt des Unternehmens konzentriert sich auf die Untersuchung der Sicherheit dieser Therapien. Gleichzeitig beteiligt es sich auch an der Entwicklung eigener Zellkulturmethoden als Alternativmethoden zum Tierversuch. Dies ist ein Bestandteil der Umsetzung des 3R-Prinzips (Replace, Reduce, Refine).
Die Besichtigung und Diskussion fand in Begleitung des zuständigen Veterinäramts sowie eines Kollegen statt, der für die Genehmigungen dieser Tierversuche zuständig war.
Überrascht war ich persönlich über das positive Feedback mehrerer Kolleginnen und Kollegen, die Tierversuchen normalerweise sehr kritisch gegenüberstehen. Besonders hervorgehoben wurden die Offenheit der Gastgeber (Leitender Tierarzt und Tierschutzbeauftragte), das hohe fachliche Niveau sowie die Bemühungen um Tierwohl und Transparenz. Natürlich bleiben insbesondere Versuche an nicht-menschlichen Primaten ein ethisch sensibles Thema, das auch innerhalb unserer Berufsgruppe kontrovers diskutiert wird. Die Besichtigung bot jedoch wertvolle Einblicke in die strengen Regularien, die wissenschaftliche Notwendigkeit bestimmter Studien sowie die Maßnahmen zur Minimierung von Belastungen für die Tiere.
Mein herzlicher Dank gilt dem gesamten Team vor Ort für die ausführlichen Erläuterungen, die offene Gesprächsatmosphäre und die Möglichkeit, einen unmittelbaren Eindruck von der praktischen Umsetzung komplexer gesetzlicher, ethischer und wissenschaftlicher Anforderungen zu gewinnen.
